Montag, 22.6.26: São Luis

Die Nacht war kaum erträglich. Als die Band auf dem Platz vor unserem Fenster endlich zu spielen aufhörte, wummerten noch stundenlang die Bässe aus der Cachaceria des Hotels direkt unter unserem Zimmer. Nur die Mäuse, die sich an unseren Cashew-Nüssen gütlich taten, hat dies offensichtlich nicht gestört. Positiv: es hat Wasser in der Dusche und beim Lavabo. Bei letzterem kommt dieses allerdings auch aus dem Verputz, weil wohl die dahinterliegende Leitung ein Loch hat. So entsteht mit der Zeit ein veritabler See rund um das Lavabo. Extrem heikel sind wir schon nicht, aber was zu viel ist, ist zu viel. Der Guide organisiert uns ein neues Hotel (zumindest sagt er das). Als wir dort aber am frühen Nachmittag eintreffen, weiss kein Mensch von einer Reservation. Der Guide, die Agentur in São Luis sowie dieselbe in Rio sind natürlich nicht erreichbar und das Reisebüro in der Schweiz hat zu dieser Zeit Feierabend. So sind wir ziemlich auf uns allein gestellt, nur eine nette Hotel-Rezeptionistin gibt alles. Schliesslich finden wir weit ausserhalb doch noch eine vernünftige Unterkunft.

Noch vorher machen wir einen ausgedehnten Rundgang durch die Altstadt von São Luis, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. São Luis steht in einem extremen Spannungsfeld zwischen kolonialer Pracht, akuter Baufälligkeit und allgegenwärtigen Baugerüsten. Im Erdgeschoss faszinieren die weltweit einzigartigen, farbenfrohen Kachelfassaden (Azulejos), weiter oben sind viele der historischen Gebäude von Notgerüsten gestützt oder von tropischen Pflanzen überwuchert, die das Mauerwerk langsam sprengen. Fast alle Kirchen, Museen und andere Sehenswürdigkeiten sind geschlossen. Von der Terrasse vor dem Gouverneurspalast hat man einen herrlichen Blick über die Bucht von São Luis. Hier erfolgte Anfang des 17. Jahrhundert die Stadtgründung durch die Franzosen, die allerdings nach 3 Jahren bereits wieder von den Portugiesen erobert wurde. Dann gab es von 1641 – 1644 noch eine kurze holländische Phase. Die eigentliche Blüteperiode erlebte São Luis im 18. und 19. Jahrhundert während des Baumwollbooms. Heute steht die Stadt zwar noch nicht auf der roten Liste der UNESCO, der Zustand wird aber als «extrem anfällig für Vernachlässigung und Zerfall» beschrieben. Ein Entzug des Titels scheint ohne schnelle Sanierungsmassnahmen realistisch. So verlassen wir die Altstadt ziemlich ernüchtert, weiterempfehlen können wir den Besuch leider nicht.

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