Freitag, 19.6.26: Cachoeira

Dunkle Wolken wechseln sich mit Aufhellungen ab. Auf nassen Strassen quälen wir uns durch den dichten Morgenverkehr, ziemlich genau auf der Trennlinie zwischen den reichen Quartieren an der Meeresküste und den Favelas im Landesinnern. Ab der Nordgrenze der Stadt Salvador kommen wir zügiger voran. Die Landschaft wird schnell ländlich und hügelig. Wir fahren an einer grossen Papierfabrik vorbei, die von Deutschland als indirekte Reparation für die im 2. Weltkrieg bei Kämpfen gegen die Wehrmacht gefallenen Brasilianer errichtet wurde. Nach etwa zweieinhalb Stunden erreichen wir Santo Amaro, wo wir den bunten Markt besuchen. Vor einer Sparkassenfiliale stehen die Leute in einer langen Schlange, um ihre Finanzprobleme mit einem Bankangestellten zu besprechen. Da keine Besprechungstermine vereinbart werden können, stehen viele wohl bis zum Abend. Einige werden vermutlich unverrichteter Dinge wieder nach Hause gehen, um am nächsten Arbeitstag ihr Glück aufs Neue zu versuchen.

Nochmals etwa eine Stunde weiter nordwestlich liegt Cachoeira, wo die Anhänger des selbst ernannten Kaisers Pedro I. gegen die Anhänger des portugiesischen Königs (notabene des Vaters von Pedro I.) die letzte Schlacht um die Unabhängigkeit des Staats Bahia von Portugal gewonnen haben. Wir machen einen kleinen Spaziergang durch das schmucke, allerdings doch etwas heruntergewirtschaftete Städtchen. Auf dem Platz vor dem ehemaligen Gefängnis steht eine imposante Kanone, die aufgrund eines Streits zwischen einem Künstler und dem Stadtpräsidenten aufgestellt wurde. Auf dem Höhepunkt dieser Auseinandersetzung im Stil von Camillo und Peppone liess der Stadtpräsident vor ca. 20 Jahren die Kanone genau auf das Wohnhaus des Künstlers richten, um diesen einzuschüchtern. Geschossen wurde dann aber doch nie.

Das Mittagessen geniessen wir auf einer herrlichen Facenda hoch über dem Tal des Paraguacu-Flusses mit perfekter Panoramasicht auf Cachoeira. Vor der Rückfahrt nach Salvador besichtigen wir noch die Zigarrenproduktion der Firma Leite & Alves. Als Nichtraucher sind wir überrascht, wie aufwändig der Herstellprozess ist und wieviel Erfahrung und Fingerspitzengefühl die Mitarbeitenden brauchen, damit ein gutes Produkt entsteht. Auf dem Heimweg sind wir schliesslich dankbar, dass wir nicht in die andere Richtung fahren müssen. Fast endlos ist der Verkehrsstau, denn alle Bewohner von Salvador scheinen für das bevorstehende São Joao-Fest raus aus der Stadt zu wollen. Vor unserem Hotel ist ebenfalls alles bereit für die grosse Party, die heute wegen des Fussballspiels Brasilien gegen Haiti noch zusätzlich laut ist.

One thought on “Freitag, 19.6.26: Cachoeira

  1. Danke für die tollen Fotos und die detaillierten, interessanten Berichte. Freue mich jeden Tag über eure neuen Reiseerlebnisse!
    Herzliche Grüsse Beatrice (Schwester von Yvonne André)

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert